Hintergründe zum Projekt

Zeitperspektivierung

Der Mehrwert des Betrachtens gegenüber des einfachen „Sehens“, die „Wahrheitsfindung“ durch Verlangsamung und die Harmonisierung der Formen sind die Hauptgründe, warum audiovisuelle Inhalte durch Verlangsamung häufig einen ästhetischen Gewinn davontragen.¹

Die Stille ruft in uns historisch gesehen ein Gefühl von Sicherheit aus. Allein durch das Innehalten breitet sich ein zeitliches Feld aus, das Freiraum für Kreativität schafft. Einfaches Sehen wird zum Betrachten. Ein Wanderer unterbricht seinen Gang, um die Schönheit der Landschaft zu würdigen. Ein Museumsbesucher hält vor einem Kunstwerk inne. Das Loslösen eines Werks von der zeitlichen Flüchtigkeit des Alltags ist gleichermaßen ein wesentliches Grundmerkmal des Films, sowie der Fotografie, Malerei oder der Plastik. Schönheit und damit Ästhetik ist eine Erlebniswelt, in der die ZuseherInnen Zeit haben abzuwägen, zu selektieren und damit zu verstehen. Farben, Formen, Bewegungen und Kontraste gewinnen eine neue Beschauligkeit, werden intensiver wahrgenommen und damit ästhetisch gewürdigt.
In diesem Sinne soll das zeitliche und räumliche Feld, das ich in meiner Arbeit „Damals, im Sommer“ aufbaue, den Zuseherinnen und Zusehern die Möglichkeit bieten, einen Moment innezuhalten, flüchtige Inhalte in einer höheren Qualität wahrzunehmen, in Erinnerungen zurückzukehren um sie so neu zu bewerten und möglicherweise zu würdigen.


Die Gestaltungsform und deren Hintergründe

Das zentrale Gestaltungselement ist die Zeitlupe. Viele Passagen des Filmes wurden unter Einsatz einer Hochgeschwindigkeitskamera, wie sie normalerweise bei Automobil Crash-Tests zum Einsatz kommt, gedreht. Die dadurch entstandene Bilderwelt bietet den Zuseherinnen und Zusehern die Möglichkeit, scheinbar flüchtige Dinge des Alltags und der Natur gezielter wahrzunehmen.

Grundlage für die Wahl dieser experimentellen Gestaltungform ist die Suche nach der richtigen zeitlichen Perspektive. Bereits im 19. Jahrhundert, noch bevor es durch Film möglich wurde, Vorgänge gedehnt und gerafft abzuspielen, gab es erste Ansätze zum Erklären von “Zeitlichkeit”. Damals sprach man von sogenannten “Lebens-Momenten” als die kleinste Einheit des Seins.

Warum ist gerade nach einem hektischen Tag der ruhige Spaziergang so entspannend, und warum schlägt unser Herz plötzlich schneller, wenn wir einer gefährlichen Situation ausgesetzt sind? Jedes Lebewesen und seine Umgebung haben ihre eigene Zeitperspektive, die an die Anzahl der jeweiligen Pulsschläge pro Minute gekoppelt ist.

Gehen wir also nach einem hektischen Tag in der “ruhigen Natur” spazieren, passen wir uns der Zeitperspektive der  Natur, und damit unserer natürlichen, an. Wenn wir uns hingegen beispielsweise einem gefährlichen, und damit meist “schnellerem” Lebewesen nähern, passen wir uns der Zeitperspektive des Angreifers an, um schneller reagieren zu können.

Die einzelnen Filme der Installation “Damals, im Sommer” spielen mit genau diesem Effekt. Es sind keine klassisch montierten, nach herkömmlichen Maßstäben “spannende” Filme. Vielmehr detailreiche, sensible Abbilder einer Stimmung, die nur durch Erreichen der geforderten Zeitperspektive ihren Sinn entfalten.

Die Schnitte sind dabei so gewählt, dass die Geschichte in der Phantasie oder den Erinnerungen der Zuseherinnen und Zuseher entsteht. Die 360° Anordnung im Raum gibt die Möglichkeit durch einfaches Drehen des Kopfes den Film selbst zu schneiden.

Ich habe die ersten Zuseherinnen und Zuseher einmal danach gefragt, worum es ihrer Meinung nach in dem “Film” gehe: Die einen Sehen eine Liebesgeschichte zwischen den beiden Jugendlichen, die anderen einen Rückblick eines alten Mannes am Ende seines langen Lebens.

Die Natur, deren Ruhe und die Erkenntnis, dass auch die Stille einem eine Geschichte erzählen kann – sofern man zuhört – waren allerdings der kleinste gemeinsame Nenner.

1. vgl.:  Brockmann, Till u. a. (2008). Schön, Cinema 53. Marburg: Schüren.
Ich empfehle in diesem Zusammenhang auch:  Andreas Becker (2004) aus: “Perspektiven einer anderen Natur, transcript Verlag